Zwei Klassenzimmer. Zwei KI-Nutzungen. Zwei Lerneffekte. Das ist nicht Pädagogik-Poesie, sondern eine der klarsten Warnungen aus der aktuellen Forschung: Bastani et al. untersuchten 2025 in PNAS knapp 1000 Lernende in Mathematik. Nicht das Tool entschied, sondern die Rolle, die man ihm gab.
Das Resultat hat mich kurz innehalten lassen.
Die Kernidee
Die Studie verglich drei Gruppen beim Üben mathematischer Aufgaben: eine Kontrollgruppe ohne KI, eine Gruppe mit GPT-4 im Standardmodus und eine Gruppe mit GPT-4 als Tutor mit eingebauten Guardrails — Hinweise statt Lösungen, Aufgabenbezug statt freies Antworten.
Beim Üben sah Standard-GPT nützlich aus: Die Gruppe löste während der KI-Phase mehr Aufgaben. Im späteren Test ohne KI kippte das Bild. Die ungebremste GPT-Gruppe schnitt schwächer ab als die Kontrollgruppe. Die Tutor-Gruppe verlor diesen Effekt weitgehend nicht.
Die Pointe ist unbequem: KI kann Leistung im Moment steigern und Lernen gleichzeitig schwächen. Erst der Coach-Modus hält die Denkhandlung bei den Lernenden.
Konkrete Anwendung im Unterricht
- Den Modus bewusst setzen. Ich sage meiner Klasse zu Beginn jeder KI-Phase, in welchem Modus wir arbeiten. Antwortmodus heisst: Du holst dir eine Antwort, weil du sie brauchst — Rezept, Definition, Übersicht. Coach-Modus heisst: Du übst, du sollst selbst denken.
- Den Coach-Prompt vorgeben. Im Coach-Modus erhält die Klasse einen kurzen Prompt: «Du bist mein sokratischer Tutor. Stelle mir Fragen statt Antworten zu geben. Korrigiere mich erst, wenn ich zwei Versuche unternommen habe. Gib niemals die Lösung direkt.»
- Übungsaufgaben statt Lösungs-Aufgaben. Im Coach-Modus arbeiten wir an Aufgaben, die ich nachher prüfen kann. Mathe Niveau 2, Bio-Verständnisaufgaben, Berufswahl-Reflexionen. Keine Hausaufgabe, die einfach erledigt werden muss.
- Auswertung im Plenum. Lernende zeigen ihren Chatverlauf. Wir schauen gemeinsam: Hat die KI Fragen gestellt? Hat die Lernende selbst gedacht? Oder ist die Lösung doch durchgerutscht?
- Test ohne KI. Am Ende einer Coach-Phase prüfe ich klassisch, ohne Geräte. Das ist der Moment, in dem sichtbar wird, was wirklich gelernt wurde.
Was die Klasse mitnimmt
Erstens: KI ist nicht gleich KI. Der gleiche Chatbot kann lernfördernd oder lernschädlich sein, je nachdem, wie er aufgesetzt wird. Zweitens: Bequemlichkeit ist die Falle. Antworten zu bekommen fühlt sich wie Lernen an, kann aber Transfer verhindern. Drittens: Sokratisch zu prompten ist eine Fertigkeit — sie muss geübt werden. Lernende, die nur «Erklärs mir» schreiben, müssen lernen, «Frag mich» zu schreiben.
Faustregel: Wer KI als Antwortmaschine nutzt, riskiert Denk-Outsourcing. Wer sie sokratisch nutzt, hält das Denken bei den Lernenden.
Die Infografik zeigt das Diptychon: links die passive Antwortmaschine, rechts der aktive Dialog. Beides ist KI. Nur eines ist Lernen.
Quelle: Bastani et al. (2025), Generative AI without guardrails can harm learning: Evidence from high school mathematics, PNAS. doi.org/10.1073/pnas.2422633122
