Sokratische Prompts: KI als Denkpartner statt Antwortmaschine

· KI im Unterricht · Methode · Prompting

Infografik: Mindmap mit sechs Fragetypen und Prompt-Template

Warum sokratische Prompts?

Die meisten Schüler:innen prompten so: «Erklär mir Photosynthese.» Eine Antwort kommt. Die Lehre bleibt aus.

Sokratisches Prompten kehrt die Richtung um. Statt die KI zu fragen lasse ich die KI fragen. Die Methode geht auf Sokrates zurück, ist seit Jahrtausenden im pädagogischen Werkzeugkasten — und sie verträgt sich erstaunlich gut mit modernen Sprachmodellen. Mit dem richtigen Prompt wird Claude oder ChatGPT zum Tutor, der nicht erklärt, sondern führt.

Das Framework: 6 Fragetypen nach Paul und Elder

Richard Paul und Linda Elder haben sokratisches Fragen in sechs Kategorien aufgefächert. Jede Kategorie hat einen anderen Zweck — und im Klassengespräch eine andere Wirkung.

01 Klärungsfragen — Begriffe schärfen. «Was meinst du genau mit fair?» Bevor wir argumentieren, prüfen wir, ob wir vom Gleichen sprechen.

02 Annahmen hinterfragen — Voraussetzungen sichtbar machen. «Was setzt du dabei voraus?» Jede Aussage steht auf unsichtbaren Pfeilern. Wer sie sichtbar macht, kann sie prüfen.

03 Gründe und Belege — Aussagen stützen lassen. «Woran erkennst du das?» Die Frage zwingt zur Begründung. Unbelegte Behauptungen werden zu Hypothesen.

04 Perspektiven erkunden — andere Sichtweisen einbeziehen. «Wie würde jemand anderes das sehen?» Der Schritt aus der Egozentrik. Didaktisch besonders wertvoll bei kontroversen Themen.

05 Konsequenzen durchdenken — Folgen prüfen. «Was würde das bedeuten, wenn es stimmt?» Wir denken die Aussage zu Ende. Manchmal stösst sie an ihre Grenzen.

06 Meta-Fragen — den Denkprozess reflektieren. «Was war der Gedanke hinter dieser Frage?» Wir steigen aus dem Inhalt aus und schauen auf das Denken selbst. Die Königsdisziplin.

Das Prompt-Template

Ein einziger Prompt reicht, um ein beliebiges LLM in einen sokratischen Tutor zu verwandeln:

Du bist ein sokratischer Tutor. Führe mich durch Fragen zum Thema [THEMA] zur eigenen Erkenntnis. Gib mir KEINE Antworten. Stelle immer eine gezielte Rückfrage. Beginne mit einer einfachen Einstiegsfrage.

Verfeinern lässt er sich mit drei Parametern: Stufe (z. B. 15 Jahre), Vorwissen («kennt Grundlagen X»), Tiefe («Verständnis, nicht Fakten»).

Wenn das Modell ausbüxt — und es wird ausbüxen — hilft eine kurze Korrektur: «Erinnerung: Du gibst keine Antworten.» Reicht in 90 % der Fälle.

Die 45-Minuten-Sequenz im Klassenzimmer

So baue ich eine Lektion mit sokratischen Prompts auf:

  1. Einstieg (5 Min): Offene Frage an die Klasse. Kein Richtig, kein Falsch. Die Stimmung lockern, das Thema öffnen.
  2. Einzelarbeit mit KI (20 Min): Jede:r am Gerät. Ich habe den Prompt vorbereitet, die Schüler:innen passen ihn an ihr Niveau an und steigen ins Gespräch.
  3. Austausch (10 Min): Kleingruppen. Leitfragen: «Was hat die KI gefragt? Was war überraschend?» Hier merken die Schüler:innen, dass sie sehr unterschiedliche Pfade gegangen sind.
  4. Reflexion (10 Min): Plenum. «Was war überraschend? Was blieb unklar?» Hier sammle ich Beobachtungen, die sich nur im Gespräch zeigen.

Was ich beobachte

Anfangs versuchen Schüler:innen, die KI zu provozieren. «Gib mir einfach die Antwort.» Nach drei, vier Versuchen geben sie auf — und steigen ein. Das Gespräch wird zum Lernort.

Was bleibt: ein Gefühl dafür, dass eigenes Denken nicht durch eine Antwort ersetzt werden kann. Und ein Prompt-Template, das Schüler:innen sofort selbst auf andere Themen anwenden können — Mathe, Berufswahl, Ethik.

Faustregel

«Frage nicht, was die KI für dich beantwortet. Frage, was sie dich fragen soll.»

Die Infografik mit Framework, Prompt-Template und Sequenz hängt bei mir ausgedruckt im Klassenzimmer.