KI-frei ist nicht KI-feindlich

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Infografik «KI-frei ist nicht KI-feindlich» mit fünf Situationen für KI-freie Phasen: Vorwissen aktivieren, erster eigener Lösungsversuch, Diagnose, Lernfortschritt überprüfen, Transfer.Originaldatei öffnen

Seit generative KI im Unterricht angekommen ist, bekommt «ohne KI» schnell einen seltsamen Beigeschmack. Als wäre jede Phase ohne Chatbot automatisch rückwärtsgewandt.

Ich halte diese Gegenüberstellung für wenig hilfreich.

Die interessante Frage lautet nicht, ob Unterricht mit oder ohne KI stattfindet. Entscheidend ist, wann KI einen Lernprozess sinnvoll unterstützt und wann ihre Abwesenheit didaktisch wertvoller ist.

Denn Lernen braucht nicht überall dieselben Bedingungen.

Manche Dinge muss ich zuerst selbst abrufen

Ein einfaches Beispiel ist Vorwissen.

Wenn ich herausfinden möchte, was meine Klasse noch über die Zellteilung weiss, hilft mir eine perfekte KI-Erklärung zunächst wenig. Ich möchte wissen, welche Begriffe verfügbar sind, welche Vorstellungen vorhanden sind und wo Unsicherheiten liegen.

Genau dafür braucht es einen kurzen Moment ohne Unterstützung.

Ähnlich ist es beim Üben.

Wenn ein Schüler bei jeder Gleichung sofort einen vollständigen Lösungsweg erhält, kann er zwar sehr schnell zu korrekten Ergebnissen kommen. Ob die Strategie aber selbstständig verfügbar wird, bleibt offen.

Unterstützung kann Lernen erleichtern. Sie kann aber auch verhindern, dass genau jene mentale Arbeit stattfindet, die wir eigentlich stärken möchten.

KI-freie Phasen sind deshalb nicht primär Verbotsphasen.

Sie sind Diagnose-, Übungs- oder Transferphasen.

Ohne KI sehe ich manchmal mehr

Das gilt besonders für die Diagnose.

Eine Lehrperson muss wissen, was Lernende bereits können. Nicht um sie zu kontrollieren, sondern um Unterricht passend weiterzuplanen.

Wenn eine KI während einer solchen Situation ständig mitdenkt, wird diese Diagnose schwieriger.

Dasselbe passiert bei Lernenden selbst. Auch sie müssen irgendwann erfahren:

Kann ich das eigentlich schon alleine?

Diese Frage ist zentral für Selbstständigkeit. Wer nie ohne Unterstützung arbeitet, kann schwer einschätzen, ob eine Fähigkeit tatsächlich verfügbar ist.

Deshalb finde ich den Wechsel wichtig.

Mit KI arbeiten. Dann KI wegnehmen. Dann prüfen, was geblieben ist.

Der Transfer ist der eigentliche Test

Besonders spannend wird es am Ende eines Lernprozesses.

Nehmen wir an, eine Schülerin hat mithilfe einer KI gelernt, Argumente stärker zu strukturieren. Die KI hat Rückfragen gestellt, Gegenargumente geliefert und auf Lücken hingewiesen.

Das kann ein sehr produktiver Lernprozess sein.

Die entscheidende Frage kommt danach:

Kann sie die Strategie auch bei einem neuen Thema anwenden, wenn die KI nicht danebensteht?

Genau hier zeigt sich Transfer.

Nicht perfekt. Nicht endgültig. Aber deutlich aussagekräftiger als ein gelungenes Produkt, das während intensiver Unterstützung entstanden ist.

Eine KI-freie Transferaufgabe ist deshalb für mich keine Rückkehr zum alten Unterricht.

Sie ist die logische Fortsetzung eines Unterrichts mit KI.

Nicht jede Phase braucht dieselben Regeln

Das führt zu einem anderen Blick auf KI-Regeln.

Statt für eine ganze Lektion oder Aufgabe festzulegen «KI erlaubt» oder «KI verboten», kann ich einen Lernprozess differenzierter gestalten.

Am Anfang arbeiten die Lernenden beispielsweise kurz selbst. Danach wird KI bewusst eingesetzt. Später vergleichen und überarbeiten sie ihre Lösung. Zum Schluss folgt ein neuer Fall ohne KI.

Dasselbe Werkzeug ist also nicht entweder erlaubt oder verboten.

Seine Rolle verändert sich entlang des Lernprozesses.

Das halte ich für didaktisch interessanter als eine binäre Regel.

KI-frei kann sehr modern sein

Vielleicht müssen wir deshalb auch sprachlich etwas genauer werden.

«KI-frei» bedeutet nicht automatisch: Wir tun so, als gäbe es generative KI nicht.

Es kann bedeuten: Wir wissen sehr genau, warum sie genau jetzt nicht eingesetzt wird.

Beim Abrufen von Vorwissen. Beim ersten eigenen Lösungsversuch. Bei einer Diagnose. Bei einer Prüfung. Oder beim Transfer.

Das ist kein Technologieverzicht. Es ist Lernprozessgestaltung.

Und manchmal ist gerade die bewusste Entscheidung, ein leistungsfähiges Werkzeug für zehn Minuten wegzulegen, ein Zeichen dafür, dass wir es didaktisch ernst nehmen.

Faustregel

Nicht jede Phase ohne KI ist ein Verbot. Oft ist sie der Moment, in dem sichtbar wird, was die Lernenden inzwischen selbst können.