Erst ich, dann KI
Eine typische KI-Aufgabe beginnt heute ungefähr so:
«Frage ChatGPT nach …»
Das ist nachvollziehbar. Wenn ein leistungsfähiges Werkzeug verfügbar ist, liegt es nahe, es direkt einzusetzen.
Didaktisch ist genau dieser Zeitpunkt aber häufig ungünstig.
Denn sobald eine plausible Antwort auf dem Bildschirm steht, verändert sie die Ausgangslage.
Die KI liefert Begriffe. Sie setzt Schwerpunkte. Sie strukturiert das Problem und schlägt bereits eine Richtung vor.
Das ist bequem.
Aber damit verschwindet häufig etwas, das für den Lernprozess sehr wertvoll wäre: der eigene erste Zugriff auf das Problem.
Deshalb arbeite ich gerne mit einem sehr einfachen Prinzip:
Erst ich. Dann KI.
Der erste Versuch muss nicht gut sein
Vor dem ersten KI-Kontakt entsteht eine kleine Eigenleistung.
Eine Vermutung. Eine Skizze. Ein erster Lösungsweg. Drei Argumente. Eine Prognose. Eine Einschätzung.
Dieser erste Versuch muss nicht perfekt sein. Genau das ist der Punkt.
Er zeigt, wie eine lernende Person das Problem zunächst verstanden hat.
Was weiss sie bereits? Wo liegt möglicherweise ein Denkfehler? Welche Strategie wählt sie intuitiv?
Diese Informationen verschwinden schnell, wenn zuerst eine ausgearbeitete KI-Antwort erscheint.
Danach verändert sich die Rolle der KI
Erst jetzt kommt die KI dazu.
Und plötzlich hat ihre Antwort eine andere Funktion.
Sie ist nicht mehr die erste plausible Lösung im Raum. Sie trifft auf etwas, das bereits existiert.
Jetzt kann verglichen werden.
Wo stimmen beide Ansätze überein? Wo unterscheiden sie sich? Hat die KI einen Aspekt entdeckt, den ich übersehen habe? Ist ihre Lösung tatsächlich stärker oder nur ausführlicher formuliert?
Vielleicht liegt die eigene Lösung sogar richtig und die KI irrt.
Damit wird KI vom Antwortautomaten zum Gegenüber.
Und genau hier entsteht die interessante Reibung.
Der Vergleich allein reicht noch nicht
«Erst ich, dann KI» kann allerdings selbst zur leeren Methode werden.
Wenn die Lernenden zuerst pro forma zwei Sätze schreiben und danach einfach die KI-Version übernehmen, wurde wenig gewonnen.
Entscheidend ist deshalb, was zwischen dem Eigenstand und dem Endprodukt passiert.
Ich unterscheide dabei fünf Schritte:
- Eigenstand: Zuerst entsteht etwas Eigenes.
- KI-Kontakt: Danach kommt eine KI-Antwort, Rückmeldung oder alternative Lösung dazu.
- Vergleich: Unterschiede und Gemeinsamkeiten werden untersucht.
- Entscheidung: Die Lernenden übernehmen, verändern oder verwerfen Vorschläge und begründen diese Entscheidung.
- Transfer: Das Gelernte wird auf einen neuen Fall angewendet, möglichst ohne dieselbe Unterstützung.
Erst diese Folge macht aus «Erst ich, dann KI» einen Lernprozess.
Ein kleines Mathematikbeispiel
Eine klassische Aufgabe könnte lauten:
«Lass dir die Aufgabe von einer KI lösen und erkläre den Lösungsweg.»
Die KI liefert den Lösungsweg. Die Lernenden erklären im besten Fall etwas, das bereits vollständig vor ihnen liegt.
Interessanter wäre:
«Löse die Aufgabe zunächst so weit du kommst. Lass dir danach einen zweiten Lösungsweg von einer KI zeigen. Markiere die Stelle, an der sich beide Wege unterscheiden. Entscheide, welcher Weg für dich nachvollziehbarer ist, und begründe deine Wahl. Löse anschliessend eine ähnliche Aufgabe ohne KI.»
Die Technologie ist in beiden Aufgaben dieselbe.
Die kognitive Arbeit nicht.
Nicht gegen KI. Für einen eigenen Bezugspunkt.
«Erst ich, dann KI» bedeutet deshalb nicht, die KI künstlich möglichst lange fernzuhalten.
Es geht auch nicht darum, dass der erste Versuch grundsätzlich besser oder wertvoller wäre.
Er schafft einen Bezugspunkt.
Ohne diesen Bezugspunkt reagieren Lernende auf eine bereits fertige Antwort.
Mit ihm können sie vergleichen, widersprechen, prüfen und entscheiden.
Und genau dort wird aus KI-Unterstützung eher ein Lernanlass.
Faustregel
Wer zuerst selbst denkt, hat später etwas, woran sich die KI-Antwort reiben kann.